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Wenn die Welt scheinbar auseinander fällt: Wie du deine psychische Gesundheit in Zeiten belastender Nachrichten schützen kannst

  • Autorenbild: Isabell Eirron
    Isabell Eirron
  • 15. Dez. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

psychische Gesundheit in Zeiten belastender Nachrichten

Wenn erschütternde Nachrichten bekannt werden, wie etwa ein Terroranschlag, Krieg, zunehmender Antisemitismus oder Gewalt gegen unschuldige Menschen, kann es sich anfühlen, als würde der Boden unter den Füßen wegbrechen. Selbst wenn das Ereignis räumlich weit entfernt stattgefunden hat, kann die emotionale Wirkung unmittelbar und intensiv sein. Der jüngste Anschlag am Bondi Beach ist ein solches Ereignis: eines, das das Sicherheitsgefühl vieler Menschen erschüttert, besonders bei Jüd:innen in Israel und weltweit, aber auch bei all jenen, die über die Nachrichten mit menschlicher Grausamkeit konfrontiert werden.

Viele Menschen berichten in solchen Momenten von Gefühlen wie Erschütterung, Hilflosigkeit, Wut oder innerer Leere. Eltern tragen oft eine zusätzliche Last mit sich: Wie kann ich für meine Kinder stark sein, wenn ich mich selbst gerade nicht stark fühle?

Genau darum geht es in diesem Artikel. Er möchte Verständnis schaffen, Orientierung geben und praktische Wege aufzeigen, wie du deine psychische Gesundheit in Zeiten belastender Nachrichten schützen kannst, ohne dich von Mitgefühl oder der Realität abzuwenden.


Wenn sich die Welt unsicher anfühlt: Die emotionale Wirkung belastender Nachrichten

Schlimme Nachrichten informieren uns nicht nur. Sie wirken auf unser emotionales System. Terror, Gewalt oder Hassverbrechen können unser grundlegendes Gefühl von Sicherheit und Stabilität erschüttern und die Welt plötzlich unberechenbar erscheinen lassen. Wenn solche Ereignisse von Hass oder Antisemitismus geprägt sind, berühren sie oft tiefere Ebenen von Verletzlichkeit, die über das konkrete Ereignis hinausgehen und durch persönliche Erfahrungen sowie kollektive Geschichte geprägt sind. Auch aus der Ferne können solche Nachrichten starke emotionale und körperliche Reaktionen auslösen und uns daran erinnern, wie eng Sicherheit und Zugehörigkeit mit unserem Wohlbefinden verknüpft sind.

Aus systemischer Sicht ist diese Reaktion gut nachvollziehbar. Wir sind keine isolierten Individuen, sondern eingebunden in Familien, Gemeinschaften, Geschichten und kollektive Identitäten. Wenn Gewalt geschieht, insbesondere wenn sie sich gegen eine bestimmte Gruppe richtet oder bekannte Muster von Ausgrenzung und Hass aufgreift, betrifft das mehr als nur unsere Gedanken. Es erschüttert unser Gefühl von Zugehörigkeit, Sicherheit und Vertrauen.

Auch aus trauma-informierter Perspektive sind diese Reaktionen keine Zeichen von Schwäche. Sie sind sinnvolle Antworten auf eine wahrgenommene Bedrohung. Unser Nervensystem ist darauf ausgelegt, uns zu schützen. Wenn es Gefahr wahrnimmt, selbst indirekt über Medien, reagiert es.

Vielleicht bemerkst du eine erhöhte Wachsamkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, aufdrängende Gedanken oder starke emotionale Reaktionen, die dir übermäßig erscheinen. Das bedeutet nicht, dass du „überreagierst“. Es bedeutet, dass dein System auf Bedrohung reagiert.


Was du vielleicht fühlst und warum das normal ist

Nach dem Lesen belastender Nachrichten erleben viele Menschen Veränderungen bei sich. Vielleicht fühlst du dich ängstlicher, unruhiger oder gereizter. Der Schlaf wird leichter, Gedanken kreisen häufiger. Manche Menschen fühlen sich emotional abgestumpft oder innerlich distanziert, andere erleben Traurigkeit, Reizbarkeit oder plötzliche Angstwellen. Eltern berichten oft von einer verstärkten Sorge um die Sicherheit ihrer Kinder.

Kinder reagieren je nach Alter und Temperament sehr unterschiedlich. Manche stellen viele Fragen. Andere ziehen sich zurück, werden anhänglicher oder zeigen Veränderungen im Verhalten, wie etwa Reizbarkeit, Albträume oder Konzentrationsprobleme. Diese Reaktionen können unmittelbar auftreten oder sich erst Tage später zeigen.

All das sind keine Zeichen von Schwäche. Es sind Zeichen eines Nervensystems, das versucht, Gefahr zu verarbeiten, ohne Kontrolle über die Situation zu haben.

In der systemischen Arbeit verstehen wir Symptome als Signale. Individuelle Reaktionen sind immer in einen Kontext eingebettet. Wenn sich die Welt unsicher anfühlt, spiegelt sich diese Unsicherheit oft in unserem Inneren wider. Deine Gefühle wollen dir etwas mitteilen: Ich brauche Sicherheit, Ruhe und Verbindung. Wenn wir darauf mit Selbstkritik oder Druck reagieren („Ich müsste damit besser klarkommen“), verstärkt sich das Leiden häufig. Wenn wir mit Neugier und Fürsorge reagieren, wird Regulation möglich.


Wie du deine psychische Gesundheit in Zeiten belastender Nachrichten schützt, ohne dich abzukapseln

Eine der größten Herausforderungen besteht darin, ein Gleichgewicht zu finden: informiert zu bleiben, ohne überwältigt zu werden.


Nachrichtenkonsum bewusst begrenzen. Ständiges Nachrichtenlesen hält das Nervensystem im Alarmzustand. Lege feste Zeiten fest, zu denen du dich informierst, und vermeide endloses Scrollen, besonders vor dem Schlafengehen. Wiederholte Berichterstattung vertieft selten das Verständnis, verstärkt aber oft die Angst.


Im Hier und Jetzt ankommen. Wenn Gedanken in Angstspiralen geraten, richte deine Aufmerksamkeit sanft auf das, was jetzt konkret und sicher ist. Spüre deinen Atem, deine Füße auf dem Boden, die Geräusche um dich herum. Kleine Erdungsübungen signalisieren dem Körper Sicherheit.


psychische Gesundheit in Zeiten belastender Nachrichten

In Verbindung bleiben. Sprich mit Menschen, denen du vertraust. Gemeinsames Verarbeiten reduziert Isolation und hilft, überwältigende Gefühle einzuordnen.


Gefühle zulassen, ohne sie zu verstärken. Sätze wie „Das macht mir Angst“ oder „Das macht mich wütend“ schaffen Klarheit und Ordnung im Inneren. Benannte Gefühle lassen sich leichter tragen. Lass sie da sein, ohne Bilder oder Geschichten immer wieder neu abzuspielen. Gefühle brauchen Anerkennung, keine Verstärkung.


Dich an das erinnern, was stabil ist. Auch in schweren Zeiten gibt es Konstanten: Menschen, die da sind, Routinen, die Halt geben, Werte, die Orientierung bieten. Sich wieder mit ihnen zu verbinden, stellt innere Balance her.


Aus systemischer Sicht stabilisieren diese Schritte deinen Teil des Systems und diese Stabilität wirkt sich unweigerlich auf dein Umfeld aus, insbesondere auf Kinder.


Mit Kindern über Terror, Gewalt und Hass sprechen

Kinder nehmen oft mehr wahr, als wir denken. Auch wenn sie keine Nachrichten sehen, spüren sie Spannungen, Gespräche im Hintergrund und emotionale Veränderungen. Schweigen kann beängstigender sein als ein ehrliches, altersgerechtes Gespräch. Es gibt keinen perfekten Weg, aber einige Leitlinien helfen.

psychische Gesundheit in Zeiten belastender Nachrichten

Dem Kind folgen. Finde heraus, was dein Kind bereits weiß und wie es sich fühlt. Überfordere es nicht mit Informationen, nach denen es nicht gefragt hat.


Altersgerecht sprechen. Jüngere Kinder brauchen vor allem Beruhigung, weniger Erklärungen. Ältere Kinder benötigen möglicherweise mehr Kontext und Raum für ihre Gefühle.


Gefühle validieren, nicht Ängste verstärken. Aussagen wie „Es ist verständlich, dass dich das traurig oder ängstlich macht“ helfen Kindern, sich mit ihren Gefühlen nicht allein zu fühlen.


Regulation vorleben. Du musst deine Gefühle nicht verstecken, aber zeigen, dass man mit ihnen umgehen kann. Kinder lernen mehr aus unserem Verhalten als aus Worten. Pausen von den Nachrichten, ruhige Rituale und das Einholen von Unterstützung fördern Resilienz.


Sicherheit geben, ohne falsche Versprechen. Statt „Es passiert nichts Schlimmes“ zu sagen, hilft es, den Fokus auf Schutzfaktoren zu legen: „Viele Menschen arbeiten daran, andere zu schützen“ oder „Wir sind hier zusammen.“


Verbindung und Werte stärken.Nähe, Freundlichkeit und Fürsorge bilden ein Gegengewicht zu dem, was Kinder in der Welt sehen.


Kinder brauchen keine Eltern, die alles im Griff haben. Sie brauchen Erwachsene, die präsent bleiben, auch wenn es schwer ist.


Mitgefühl bewahren, ohne überwältigt zu werden

Tiefes Mitgefühl für das Leid anderer ist eine Stärke, doch es braucht Grenzen. Du darfst mitfühlend sein, ohne die gesamte Last der Welt zu tragen. Du darfst Pausen machen, dich ausruhen und auch Momente von Freude zulassen, selbst wenn Schlimmes geschieht.

Wenn du merkst, dass dich Nachrichten dauerhaft überfordern, dass Angst oder innere Leere bleiben oder Gespräche mit deinen Kindern sich zu schwer anfühlen, scheue dich nicht, dich jemandem anzuvertrauen. Wir sind Teil vieler miteinander verbundener Systeme: Familie, Gemeinschaft, Geschichte, Gesellschaft. Niemand muss all das allein verarbeiten. Stärke entsteht durch Verbindung, nicht durch Aushalten.

Manchmal ist ein Akt der Selbstfürsorge, das Handy wegzulegen, nach draußen zu gehen und tief durchzuatmen. Es ist in Ordnung, sich für eine Zeit von den Nachrichten zurückzuziehen. Es ist in Ordnung, sich auf den eigenen Kreis zu konzentrieren. Es ist in Ordnung, Leichtigkeit zuzulassen. Die eigene psychische Gesundheit zu schützen bedeutet nicht Gleichgültigkeit. Es ermöglicht dir, langfristig präsent, mitfühlend und handlungsfähig zu bleiben.


Ein sanfter Abschlussgedanke

Wenn sich die Welt gerade schwer anfühlt, ist an dir nichts falsch. Deine Reaktionen sind nachvollziehbar. Psychisch gesund zu bleiben in herausfordernden Zeiten bedeutet, die eigenen Grenzen wahrzunehmen, in Verbindung zu bleiben und sich selbst Momente von Sicherheit und Ruhe zu erlauben. Manchmal beginnt Selbstschutz mit einer ganz einfachen Entscheidung: innezuhalten, zu atmen und gut für sich zu sorgen, auch wenn die Welt unsicher erscheint.

 

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